Letter

My dear Friend, die Welt wäre mit etwas mehr Verbeugung ein freundlicherer Ort

Letter One

Es gibt Dinge auf dieser Welt, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie kaum noch bemerken. Das Händeschütteln gehört dazu.

Zwei Menschen treffen sich, reichen einander die Hand, drücken unterschiedlich fest, versuchen dabei weder Dominanz noch Verunsicherung auszustrahlen und hoffen, dass niemand gerade eine Grippe ausbrütet.

Aber du kennst die japanische Verbeugung? Ich muss gestehen: Ich liebe sie.

Vielleicht nicht blind und ohne Vorbehalte. Schliesslich hat auch die Verbeugung ihre Tücken. Wer sich wie tief verbeugt, wann, wie lange und aus welchem Anlass, scheint manchmal einem Regelwerk zu folgen, das nur Eingeweihte vollständig verstehen. Man kann zu wenig, zu viel oder vermutlich sogar zu enthusiastisch verbeugt sein.

Und doch steckt darin etwas Schönes. Denn eine Verbeugung verlangt etwas, das in unserer Zeit selten geworden ist: Aufmerksamkeit. Und Zeit.

Keine ausgestreckte Hand, die beschäftigt werden muss. Kein kurzes Gerangel darüber, wer zuerst loslässt. Kein stiller Wettbewerb im Händedruck-Olympia.

Nur ein kleiner Moment des bewussten Innehaltens.

Es ist fast erstaunlich, wie viel Respekt in einer so einfachen Bewegung wohnen kann. Die Verbeugung wirkt nicht wie eine Eroberung fremden Territoriums. Sie bleibt bei sich selbst. Sie wahrt Distanz und schafft gleichzeitig Nähe. Eine Kunst, an der manche Menschen ein ganzes Leben lang arbeiten.

Natürlich hat das Händeschütteln auch seine Vorzüge. Es ist direkt, herzlich und manchmal genau das Richtige. Aber seien wir ehrlich: Die Menschheitsgeschichte wäre vermutlich nicht ärmer geworden, wenn wir nie begonnen hätten, einander die Hände zu reichen. Ich wiess, der Händedruck entstand aus der Botschaft „Siehe, ich bin unbewaffnet“. Das es überhaupt erfunden werden musste.

Die Verbeugung hingegen hat etwas Poetisches.

Sie erinnert daran, dass man einem Menschen seine volle Aufmerksamkeit schenken kann, ohne ihn zu berühren.

Vielleicht gefällt mir genau das am meisten.

In einer Welt, die ständig nach mehr verlangt, mehr Meinung, mehr Präsenz, mehr Lautstärke, genügt der Verbeugung ein leises „Ich sehe dich“. Es eine schöne Botschaft.

Wenn ich also jemals die Wahl habe zwischen einem hektischen Händedruck und einer ehrlichen Verbeugung, dann weiss ich ziemlich genau, wofür ich mich entscheide. Auch wenn ich dabei niemals den richtigen Winkel treffe.

Aber dich, my dear Friend, werde ich immer und jederzeit lieber umarmen.

Your Friend

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