So eine Art emotionaler Systemabsturz. Nach all den Jahren. Nach all den Niederlagen. Nach all den «dieses Jahr könnte es klappen»-Momenten.
Also… wirklich?
Wirklich wirklich?
Hat das jemand überprüft?
Gibt es eine zweite Meinung?
Denn als Gottéron-Fan lernt man über die Jahre viele Dinge. Hoffen. Leiden. Relativieren. Aber eines lernt man ganz sicher nicht: wie man mit einem Meistertitel umgeht.
Und vielleicht versteht wirklich nur jemand aus Freiburg, warum dieser Titel so viel grösser ist als einfach ein Pokal.
Denn Gottéron ist eigentlich kein Eishockeyclub. Doch schon, aber zumindest nicht nur. Gottéron ist gemeinsames Feiern nach Niederlagen (ja, auch die kann man danach feiern) und kollektiver Ausnahmezustand bei Siegen. Wer einmal ein wichtiges Spiel in Saint-Léonard erlebt hat, weiss: Hier werden Emotionen nicht einfach verarbeitet. Hier werden sie gemeinsam vervielfacht. Gottéron ist auch Therapiegruppe. Wirklich. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und Gottéron hat lange gelitten. Fast 90 Jahre lang. 90! Jahre!
Als Freiburger:in ist man irgendwie immer ein bisschen Minderheit
Der Kanton liegt zwischen allem. Zwischen Stadt und Land. Zwischen Deutschschweiz und Romandie. Zwischen Fondue moitié-moitié und Hightech-Unternehmen. Französische Cafékultur mit deutschschweizer Bodenhaftung und Internationalität. Studentenbars neben Klöstern. Man gehört nie ganz hierhin und nie ganz dorthin. Vielleicht hat Freiburg gerade deshalb ein so ausgeprägtes Bedürfnis nach Zusammenhalt.
Und hier kommt Gottéron ins Spiel.
Seit Jahrzehnten ist dieser Club die perfekte Freiburger Geschichte: nie der Grösste, nie der Reichste, aber immer mit unfassbar viel Herz. Ein Club, der regelmässig, und sehr oft krachend scheiterte und trotzdem jedes Jahr wieder aufstand, als hätte nie etwas wehgetan.
Das lieben die Leute. Denn das Verrückte ist, dass gerade das Leiden die Verbindung noch stärker macht. Andere Clubs gewannen Titel. Gottéron gewann Menschen. Ja, das klingt wahnsinnig pathetisch. Es ist trotzdem wahr.
Das Stadion ist seit Jahren praktisch immer ausverkauft. 9’372 Menschen an jedem Heimspiel. Völlig egal, wie die Saison gerade läuft. Es gibt lange Wartelisten für ein Saison-Abonnement. Die Leute kommen nicht nur wegen Hockey. Sie kommen wegen dieses Gefühls. Wegen Saint-Léonard. Wegen dem gemeinsamen Leiden, Hoffen, Fluchen, Jubeln. Für viele ist das kein Matchbesuch, sondern emotionales Heimkommen.
Und immer war da Julien Sprunger
Diese Mannschaft hat Talent. Klar. Aber vor allem hat sie Charakter. Jeder hat für seine Teamkollegen einfach alles gegeben. Und vor allem für einen.
Es gibt Spieler, die gut sind. Und es gibt Spieler, die zu einer Legende werden, ohne dass jemand widerspricht. Sprunger ist für Freiburg viel mehr als ein Captain. Er ist die lebende Verbindung zwischen all den bitteren Jahren und diesem einen perfekten Moment.

Er hätte irgendwo anders wahrscheinlich einfacher Titel gewinnen können. Aber er blieb. Jahr für Jahr. Niederlage für Niederlage. Seine gesamte sportliche Karriere. 24 Jahre. In seinem allerletzten Spiel gewinnt der Club mit ihm und für ihn den Pokal: „Für Julien“. Das sagte nicht irgendwer, das haben seine Teamkollegen unisono so gesagt. Sie haben alles für ihn gegeben. Und genau deshalb hatte man beim Anblick dieses Mannes mit dem Pokal das Gefühl, dass gerade ein ganzer Kanton kollektiv feuchte Augen bekommt.
Neben Julien Sprungen ist da natürlich Reto Berra. Wenn in Spielen rundum komplette emotionale Eskalation herrschte, war Berra so oft die Ruhe selbst. Dieser Mann hielt nicht nur Pucks. Er hielt gefühlt die mentale Stabilität eines ganzen Kantons zusammen. Auch er gewinnt in seinem letzten Spiel für Gottéron den Pokal.
Und Lucas Wallmark, um es auf die Spitze zu treiben, schiesst in seinem letzten Spiel für Gottéron den alles entscheidenden Siegtreffer.
Gehts noch?
Dann explodierte die ganze Region
Über 80’000 Menschen feierten in den Strassen von Freiburg1. Achtzigtausend! Das ist ziemlich genau die doppelte Anzahl Menschen die in der Stadt wohnt. Somit ist dies möglicherweise sogar die grösste Meisterfeier der Schweizer Sportgeschichte.2
Menschen aus der ganzen Schweiz waren da. Französischsprachige neben Deutschsprachigen. Jung neben Alt.
Für ein paar Tage waren plötzlich alle einfach nur noch dasselbe: Gottéron.
Und ehrlich: Diese Bilder vergisst man nie mehr. Die Fahnen in Schwarz, Weiss und Blau. Die Gesänge. Die Umarmungen zwischen Menschen, die sich eigentlich gar nicht kannten. Komplett wildfremde Leute, die sich angeschaut haben wie alte Freunde, einfach weil endlich dieses verdammte Ding gewonnen wurde.

Und jetzt beginnt, glaubt man den Medien, eigentlich die spannendste Frage überhaupt:
Wie weiter?
Solange man nie Meister geworden ist, lebt man von der Sehnsucht. Von diesem ewigen Traum. Vom „irgendwann“. Aber jetzt ist „irgendwann“ passiert.
Verändert das wirklich alles? Kaum. Aus Hoffnung wird Erwartung. Aus dem charmanten Aussenseiter wird ein Champion. Velleicht liegt die wahre Stärke von Gottéron darin, dass dieser Club die Fähigkeit besitzt die Herzen der Menschen zu stehlen. Der Klub ist pure Emotion – und manchmal auch grenzenloses Chaos.
Es gar nicht darum, jedes Jahr Meister zu werden. Es geht darum, dieses Gefühl zu bewahren.
Dieses Gefühl, dass Hockey hier nie nur Hockey war. Sondern Zugehörigkeit. Freundschaft. Vielleicht Identität. Und manchmal auch Gruppentherapie auf Kufen.
Und wenn die Saison 2027 startet, geht der ganze Wahnsinn einfach wieder von vorne los.
The same procedure as every year?
The same procedure as every year. Aber diesmal halt als Titelverteidiger.
Saint-Léonard bleibt Saint-Léonard. Diese wunderschöne Neurose wird nicht verschwinden.

Quellen und Fussnoten
- 80’000 Menschen an Meisterfeier in Freiburg ↩︎
- Für eine eindeutige historische Bestätigung fehlen jedoch bisher belastbare Vergleichsdaten. ↩︎